Das Jahr 2017 ist angebrochen, wir finden uns vor in einer technisierten offenen Welt. Unsere Gesellschaft ist recht offen und tolerant, wir haben ein Lebenspartnerschaftsgesetz und sind uns dessen bewusst, dass Sexualität nicht ausschließlich Heterosexualität bedeuten muss. Wir wollen die Rechte von Homo-, Bi-, Transsexuellen, etc. stärken, damit diese auch gleichberechtigt neben allen anderen Leben können. Wir wollen die Diskriminierung eindämmen und setzen uns dafür ein, dass Menschen die eine andere sexuelle Ausrichtung haben nicht als „krank“ oder „pervers“ bezeichnet werden und an den Rand der Gesellschaft gestellt werden. Wir zeigen mit dem Finger auf andere Länder, die bei dieser Entwicklung noch in den Startlöchern stehen, bei denen z.B. Homosexualität strafbar ist (z.B. Ägypten, Afghanistan). Aber können wir uns selbst als das Maß der Dinge in Sachen Gleichberechtigung und freie Sexualität ansehen?

In unserer Gesellschaft gibt es viele die sich dafür aussprechen, dass LGBT-Rechte (Abkürzung LGBT für: Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender) unterstützt werden sollten, dass solche Mitmenschen nicht mehr und nicht weniger Rechte als die anderen haben sollen, aber Gleichberechtigung erfahren müssen. Unter anderem wird oft angeführt, dass wir uns dafür einsetzen müssen, weil wir als moderner Staat ein weltoffenes und liberales Menschenbild vertreten.

Spätestens wenn es dann um Schwule, Lesben, etc. und die Vereinbarkeit mit dem Sexualkundeunterricht geht hört der Spaß bei vielen auf.

„Warum soll so etwas den Schülern gezeigt werden? Warum sollen wir Jugendliche damit konfrontieren? Die armen Kinder/Jugendlichen werden doch überfordert und ganz verwirrt, wie sollen die da ihre Sexualität finden?“

Ist das eine Form von Behütung, weil man Angst hat die Kinder könnten „anders“ sein? Oder möchte man nicht meinen, dass das eine indirekte Diskriminierung und Ablehnung von LGBT-Gruppen ist? Müssen wir an unserem derzeitigen Sexualkundeunterricht arbeiten?

Um eines klarzustellen, weil dies oft ein großer Diskussionspunkt in Aufsätzen und Zeitungsartikeln und Fachzeitschriften ist: Meiner Meinung nach geht es bei einem umfassenden Sexualkundeunterricht, der auch LGBT-Rechte enthält, nicht darum LGBT den Kindern besonders anzupreisen und in den Vordergrund zu stellen. Es geht darum, dass alle Formen der Sexualität neutral nebeneinander Gestellt werden, aber nicht untereinander abgewertet werden oder eine bestimmte als „auserwählt und das wahre“ dargestellt wird. Ich spreche das deswegen so bewusst an, weil viele Gegner eines Umfassenden Unterrichts, der auch LGBT inkludiert, oft zu Unrecht behaupten, dass es darum geht die LGBT-Gruppen hervorzuheben. Das soll aber genauso wenig passieren, wie das Gegenteil, dass eine heterosexuelle Ausrichtung klar in den Vordergrund gestellt wird. Es geht hier um schlichte Gleichberechtigung. Genau das passiert aber nicht, weil man sich davor hütet zu viele Worte über LGBT zu verlieren. Wenn man jedoch etwas verschweigt oder mit Vorurteilen belastet, kann keine Neutralität mehr gewährleistet werden. Die Tatsache, dass Heterosexualität die am weitesten verbreitetste ist hat nichts damit zu tun, dass man alle anderen einfach weniger behandeln sollte. Es wird dadurch immer wieder Kinder und Jugendliche geben die sich in ihrer Entwicklung unsicher fühlen und sich nicht trauen sich zu outen und so zu Leben wie sie nun mal sind. Deshalb sind wir es auch Jugendlichen die eine LGBT Ausrichtung haben schuldig, dass wir sie nicht als anders abstempeln sondern ihnen zeigen, dass wir Menschen verschieden sein können und auch dürfen. Darüber hinaus sollte man LGBT-Jugendliche ebenfalls darüber aufklären, dass auch bei gleichgeschlechtlichem Verkehr das Thema Verhütung eine Rolle spielt und nicht einfach unter den Tisch fallen darf. Nur wenn wir es schaffen gemeinsam und offen über diese Themen zu reden und unsere Kinder/Jugendlichen dort bereits mit einbeziehen, können erreichen, dass unsere Gesellschaft wirklich toleranter und offener gegenüber Menschen mit verschiedenen sexuellen Ausrichtungen wird.

Viele Konservative haben oft ein Problem damit, dass solche Gruppen gleichgestellt werden sollen und Kinder/Jugendliche in der Schule darüber aufgeklärt werden. „Das Leitbild der traditionellen Familie“ würde damit gestört werden. Wo soll denn da das Problem sein? Jeder hat doch das Recht sich frei entscheiden zu können. Und wenn die „traditionelle Familie“ einen nicht glücklich macht oder dieses Konstrukt mit seiner Sexualität nicht vereinbar ist, warum sollen wir ihn dann dazu zwingen? Mit einer derartigen Intoleranz wird gar nichts erreicht, außer dass Menschen die nicht einen andersgeschlechtlichen Partner heiraten möchten, unglücklich sind und sich möglicherweise irgendwann wieder von diesem Partner trennen. Wenn etwas nicht funktioniert, dann muss man dazu stehen und auch mal mit der Zeit gehen und nicht an einem verstaubten Leitbild festhalten und dies Kindern in der Schule eintrichtern. Stattdessen sollten wir ihnen vermitteln, dass sie sich frei entscheiden können, ohne diskriminiert werden zu müssen.

In Bayern wurden letztes Jahr die Richtlinien für den Sexualkundeunterricht nach 15 Jahren überarbeitet, weil man gemerkt hat, dass LGBT-Gruppen nicht mehr komplett weglassen werden können, weil diese bereits größtenteils in unserer Gesellschaft anerkannt werden. Dennoch verläuft die Umsetzung schleppend. Viele Lehrer fühlen sich überfordert oder verurteilen selbst diesen „modernen offenen Sexualkundeunterricht“. Zudem gibt es große Unterschiede in der Aufklärung zwischen verschiedenen Lehrern und Schulen, von „stiefmütterlich“ bis fast schon „pornös“ ist da alles dabei. Sowas kann nicht sein. Es muss endlich eine einheitliche Linie geben, die auch konsequent durchgesetzt wird, ohne Aussparungen oder dem Versuch Kindern eine bestimmte Richtung aufzuzwingen zu wollen. Ein freier, gleicher und offener Sexualkundeunterricht, der es jedem ermöglicht seine Sexualität so auszuleben und zu erfahren wie er veranlagt ist. Das sollte unser Ziel sein, denn es ist widersprüchlich LGBT eine Gleichberechtigung einzuräumen, aber gleichzeitig zu versuchen unsere Kinder darüber im Ahnungslosen zu lassen und das Thema zu tabuisieren.