6 Jahre studiert, zweimal durchs erste Staatsexamen gefallen. Was nun? Das Jura-Studium gehört neben Medizin, Zahnmedizin, Tiermedizin, Pharmazie und dem Lehramtsstudium zu den wenigen „privilegierten“ Studiengängen, die sich konsequent der Bologna-Reform verweigern und mit einer staatlichen Prüfung abschließen.

Wer in Deutschland Jurist werden will, muss zwingend (sofern er keinen Umweg über das EU-Ausland nehmen will) an einer Universität das erste Staatsexamen abschließen. Im Studium werden hauptsächlich theoretische, wissenschaftliche Grundlagen vermittelt. Praktische Inhalte, wie beispielsweise das Verfassen eines Anwaltsschreibens oder einer Klageschrift werden nur in Ausnahmefällen gelehrt. Die erste Juristische Prüfung besteht in Bayern aus einem universitären Teil, der 30 % zur Gesamtnote zählt und von der Hochschule gestellt wird, und einem staatlichen Teil, der bayernweit einheitlich ist und 70 % der Gesamtnote ausmacht. Dieser staatliche Teil besteht aus 6 Klausuren, die im Abstand von wenigen Tagen geschrieben werden, und einer mündlichen Prüfung.

Mit dem ersten Staatsexamen selbst ist jedoch nur das Arbeiten in einem Unternehmen oder in einer akademischen Laufbahn möglich. Wer klassische juristische Berufe wie Rechtsanwalt oder Richter ergreifen will oder sonst in den Staatsdienst eintreten möchte, braucht das zweite Juristische Staatsexamen, dem noch eine zweijährige Praktische Ausbildung, das sog. Referendariat, vorangeht.

An einigen Fakultäten ist auch ein Rechtswissenschaftliches Studium nach dem Bologna-System möglich. Dieses berechtigt aber nicht zum Zugang zum Referendariat und damit zu den klassischen juristischen Berufen.

Die Tücke an Staatsexamenssystem ist folgende: Das Studium selbst ist auf eine große Prüfung ausgelegt, die in Bayern nach durchschnittlich 11,6 Semestern (Stand 2015) absolviert wird. Es gibt zwar auch sog. Zwischenprüfungen, die relativ früh eine Hürde im Studium darstellen, diese verbriefen jedoch keinen eigenen Abschluss. 3,5 Jahre studieren, um nach einem gescheiterten Bachelorstudium mit dem Abitur als höchsten Abschluss in der Tasche dazustehen ist nicht schön. 6 Jahre studieren und dann gerade einmal die allg. Hochschulreife zu haben ist noch etwas Anderes. Dementsprechend hoch ist der Druck auf die Jurastudenten. Gesteigert wird dieser Druck dadurch, dass Prüfungsleistungen (abgesehen vom universitären Teil) nicht über viele Semester verteilt werden können, sondern dass das gesamte Wissen in einem Bulimie-Lernverfahren reingepresst werden muss, um es in 2 Wochen Prüfungszeit wieder ausspucken zu können. Zusätzlich stehen die Studenten unter dem Druck, dass es bei diesen Prüfungen nicht nur ums Bestehen geht. Wer später erfolgreich sein will, muss zu den Besten gehören. Wer das nicht schafft und nur knapp das Examen besteht, kann schlimmstenfalls gleich eine Taxi-Lizenz beantragen. Um bessere Chancen im Examen zu haben, gehen die meisten Jura-Studenten zur Prüfungsvorbereitung in sog. Repetitorien, Private Nachhilfe, die sich jedoch nicht jeder Student leisten kann.

Es braucht nicht viel Phantasie um sich auszumalen, dass viele Studenten diesem Druck nicht standhalten. Angstzustände, Schlafstörungen und Medikamentenmissbrauch sind keine Seltenheit.

Die Frage ist, wozu das Ganze? Wofür braucht man überhaupt das erste Staatsexamen? Wenn ein Patient zum Arzt geht, hat er natürlich ein Interesse daran, dass seine Prüfung allgemeinen Qualitätsstandards entspricht und nicht das fehlerfreie Schreiben des eigenen Namens zum Bestehen ausreicht. Auch ein Mandant, dem eine langjährige Haftstrafe oder Schadensersatzforderungen in Millionenhöhe drohen, ist froh, wenn die Kompetenz sowohl seines Rechtsanwaltes als auch des Richters und des Staatsanwaltes mit einer staatlichen Prüfung garantiert wird. Für diese Qualitätssicherung im juristischen Bereich wäre aber auch die zweite juristische Prüfung ausreichend. Wofür braucht es dann die erste, in der sowieso hauptsächlich praxisfernes abgefragt wird? Natürlich kann auch ein Unternehmensjurist viel Schaden anrichten, wenn er Fehler bei der Vertragsgestaltung begeht. Aber das kann auch ein Ingenieur, der eine Anlage derart falsch konstruiert, dass durch einen Unfall mehrere Menschen ums Leben kommen. Dieser Ingenieur musste jedoch trotz des hohen Schadensrisikos keine staatl. Prüfung ablegen.

Auch im Ausland ist das System einer Staatsprüfung am Ende des Studiums fern. In der Schweiz wird auf ein Bachelor-/Mastersystem umgestellt. In Österreich müssen 14 verschiedene Module mit jeweils eigener Prüfung über das Studium verteilt abgelegt werden. Ob hier ein deutscher Sonderweg zu Lasten der Studierenden notwendig ist, ist fraglich.

Abgesehen davon würde eine Abschaffung des ersten Staatsexamens der Forderung nach mehr Hochschulautonomie gerecht werden. Der urliberale Grundsatz, so wenig Staat wie nötig, soviel Freiheit wie möglich gilt auch hier. Mit einer Abschaffung des ersten juristischen Staatsexamens könnte jede Uni selbst entscheiden, wie sie ihre Studenten ausbildet. Sie kann Rechtsgebiete aufnehmen und abprüfen, die immer wichtiger werden aber heute nicht examensrelevant sind wie beispielsweise Datenschutz- oder Asylrecht. Die Universität könnte selbst entscheiden, ob sie das Wissen der Studenten in einer großen Abschlussprüfung am Ende oder verteilt über das Studium prüft. Die Universitäten könnten es den Studenten ermöglichen, einen Bachelor-Abschluss nach 6 Semestern zu erhalten und damit den tiefen Fall nach dem endgültigen Nichtbestehen nach mehreren Jahren Studium deutlich abfedern. Vor allem hätte der Student selbst jedoch die Möglichkeit frei zu entscheiden, wie sein Studienmodell aussehen soll.

Alles in einem ist sich Folgendes festhalten: Das aktuelle Staatsexamenssystem ist mit großer psychischer Belastung verbunden, privilegiert Studenten mit finanzstarken Hintergrund und bietet kaum einen Mehrwert für den Rechtsratsuchenden. Die Hochschulen könnten jedoch autonomer entscheiden, wie sie Rechtsstudiengänge gestalten können. Vor Allem hilft es an einem ganz besonders: Dem Studenten. Deshalb schafft das erste Staatsexamen ab.