Wie Söders Wahlkampf eine wichtige Tarifreform torpediert

Dass Söders Wahlkampf populistisch wurde, bevor er überhaupt die heiße Phase erreicht hatte, ist kein Geheimnis. Seine Idee eines 365-Euro-Tickets nach Wiener Modell, mit dem er mehr Bürger von den öffentlichen Verkehrsmitteln überzeugen will, gehört dazu.

Ziel ist es, mit 365 Euro ein Jahresticket käuflich zu erwerben, das im Gesamtnetz der betroffenen Stadt gilt. Dies bedeutet, dass man potentiell für einen Euro am Tag die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen kann.

Betreffen wird es aber nur diejenigen, die in den Städten München, Augsburg, Regensburg, Nürnberg oder Würzburg leben und dort hin pendeln. Diese Gedankenspielerei sabotiert nun unter anderem eine angestrebte Tarifreform des öffentlichen Nahverkehrs München, die von der Stadt selbst und fast allen Landkreisen bereits akzeptiert wurde. Das komplizierte System, von bis zu 16 Ringen und vier Zonen, sollte vereinfacht, das Fahren mit der Streifenkarte billiger werden. Ab Juni nächsten Jahres wäre alles übersichtlicher, und für viele Nutzer auch bequemer geworden.

Söder sagt, dass 365-Euro-Ticket würde erst frühestens Mitte 2020 kommen. Spätestens 2030. Angenommen es dauert wirklich noch ein Jahrzehnt, selbst dann müsste man sich zehn weitere Jahre mit einem unreformierten Verkehrssystem begnügen. Denn die Landräte aus den Kreisen, welche zuvor die Reform ablehnten, verweisen jetzt, sich rechtfertigend, mit Nachdruck auf die Pläne der Regierung. Sie behaupten, dass das 365-Euro-Ticket, egal wie weit die Einführung entfernt sei, wesentlich besser, als die MVV Reform ist. Daher könne man die Reform gleich sein lassen. Da nur das Versprechen keine Garantie auf Einführung des 365 Eurotickets ist, ist es wahrscheinlich, dass die Bürger am Ende mit nichts dastehen, und die wirklich benötigte und wichtige Reform dem populismuswütigen Markus Söder zu Opfer gefallen ist.

Zum anderen ist natürlich klar, dass ein öffentlicher Verkehr, welcher jetzt in Städten schon stark subventioniert wird, mit einem 365-Euro-Ticket keinerlei Gewinn macht. Vielmehr müssten das Bundesland und die Städte selbst noch einmal erhöhte Zahlungen leisten, welche indirekt der Bürger durch seine Steuern deckt. Ein 365-Euro-Ticket wird dann auch von denen mitbezahlt, die dieses Ticket nicht benötigen und daher die Fahrkarte gar nicht kaufen. Schließlich ist es ein Solidaritätsticket. Dann stellt sich die Frage, wie weit ich Bürger, welche billig die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen wollen, auch noch unterstützen muss.

Übrigens setzen sich die Grünen schon länger für ein 365-Euro-Ticket ein. Söder versucht gerade mit teuren Wahlgeschenken, oder Versprechen, an die sich bestenfalls in zehn Jahren keiner mehr erinnert, auf Stimmenfang zu gehen. Zum Leid der Staatskasse.

Die öffentlichen Verkehrsgesellschaften werden auch nicht attraktiver, wenn nur das Fahren billig ist. Wenn ein Nutzer immer noch über eine Stunde für 7 km Fahrt braucht, wie es in Großstädten leider öfters der Fall ist, ist das Angebot einfach nicht praktikabel und der Lebensrealität entsprechend. Großstädte brauchen eine bessere Infrastruktur, größerer Flexibilität, und einen dichteren Fahrplan, um Bürger überhaupt zu überzeugen, dass der öffentliche Personenverkehr die bequemere und bessere Alternative zu dem Auto ist. Denn aktuell ist es das nicht.