Gerade bei Sprachkursen und Seminaren wird an den Universitäten diskutiert, ob eine Anwesenheitspflicht für Kurse eingeführt werden sollte. Kaum ein Thema ist an der Universität derart umstritten: Die einen fordern die absolute Freiheit, sich das Studium so zu gestalten wie man möchte, die anderen sehen dies wiederum kritisch und plädieren dafür, dass an der Uni „Zucht und Ordnung“ herrschen müsse und somit eine Anwesenheitspflicht nötig sei. Gerade weil das Zeitmanagement viele Studenten durch die vielen Semesterwochenstunden zum Problem wird, sollte überlegt werden ob eine Anwesenheitspflicht generell sinnvoll ist oder gänzlich abgeschafft gehört. Es sollen im Folgenden beide Positionen zur Diskussion erläutert werden.

 

 

Warum überhaupt eine Anwesenheitspflicht?

 

Dies ist eine Frage, die sich viele Studierende der besonders durch Anwesenheitspflicht geprägten Studiengänge stellen. Besonders ist dies der Fall bei einzelnen Seminaren in Bachelorstudiengängen und an vielen Universitäten in Sprachkursen. Dabei ist aber nicht zu vergessen, dass auch Kurse existieren, bei denen es sehr wohl verständlich ist, dass es eine Anwesenheitspflicht geben muss und sich eine Diskussion erübrigen dürfte. Es geht um solche, bei denen eine praktische Übung im Vordergrund steht, sei es das Sezieren bei den Medizinern oder der Umgang mit Versuchsaufbauten in den Naturwissenschaften. Doch was ist mit dem Rest der Kurse, in denen man eigentlich nur erscheint, um den Lehrenden zuzuhören und mitzuschreiben?

 

 

Pro Anwesenheitspflicht

 

Seit der Bologna-Reform wird immer wieder kritisiert, dass die Anzahl der Wochenstunden, in denen Studierende etwas für die Uni tun würden, zurückgegangen sei, während das Pensum durch Bachelor- und Mastersystem eigentlich gestiegen ist. Hier könnte eine Anwesenheitspflicht eine Lösung sein, weil die Studierenden somit verpflichtet wären, an den Kursen teilzunehmen und somit zumindest die Kurswochenstunden erfüllten. Eine andere Sache ist, dass Wissenschaft gerade auch vom Diskurs der verschiedenen Meinungen lebt, besonders in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Wenn dort keiner anwesend ist, kann auch kein Meinungsaustausch und somit kein wissenschaftlicher Mehrwehrt erzielt werden. Ein letzter Punkt ist der der persönlichen Einstellung. Auszubildende und Arbeitnehmende müssen auch pünktlich sein und zur Arbeit erscheinen. Hier könnte man nach der Devise argumentieren, sich gar nicht erst an den Luxus des Ausschlafens und Nichtkommens zu gewöhnen, denn im späteren Arbeitsleben geht sowas nicht.

 

 

Contra Anwesenheitspflicht

 

Studium bedeutet ja nicht nur, dass man bestimmte fachliche Dinge lernt und danach hinaus in die Welt geht. Ein Studium soll uns auch andere Dinge lehren, etwa Verantwortung zu übernehmen, „einen Plan vom Leben zu bekommen“, Entscheidungen zu treffen: Gehe ich in Kurs A oder B, bereite ich mich mehr auf X oder Y vor? Dies ist ein wichtiger Prozess, der sich nicht durchlaufen lässt, wenn man – wie in der Schule – alles vorgegeben bekommt und sich lediglich daran halten muss. Das Studium wird einem nicht geschenkt und sollte daher auch dieses Maß an Eigeninitiative und Selbstdisziplin abverlangen dürfen, schließlich hat man hinterher auch die wahrscheinlich vielfältigsten Möglichkeiten, was man mit seinem Abschluss macht. Das hat eben seinen Preis.

Als weiteres Argument im weiteren Sinne könnte die Abschaffung der Anwesenheitspflicht jedoch auch zu einer Verbesserung der Lehrveranstaltungen führen. Während anonymisierte Fragebögen des Qualitätsmanagements an Universitäten erst am Ende des Semesters offenlegen, wie gewinnbringend eine Veranstaltung ist, kann durch die direkte Rückmeldung über Teilnehmerzahlen bereits während des Semesters eine Evaluation stattfinden. Lehrende hätten dadurch mitunter einen höheren Anreiz, ihre Lehrveranstaltungen transparenter und motivierender zu gestalten, Studierende einen höheren Lernzuwachs durch qualitativ überzeugende Veranstaltungen.

Des Weiteren darf man nicht vergessen, dass Universität nicht nur Lehre, sondern auch Forschung und wissenschaftliche Betätigung bedeutet.

 

Es kommt darauf an

 

Spätestens nach dem letzten Absatz dürften bei den Kritikern der Anwesenheitspflicht die Stimmen laut werden. Was ist denn mit der Freiheit der Studierenden? Wenn nicht im Studium diese Freiheiten leben dürfen, wann dann? Wie bei vielen Themen, gestaltet sich die Anwesenheitspflicht als ein zweischneidiges Schwert. Zweifelsfrei gibt es Kurse, die ohne eine Anwesenheitspflicht nicht funktionieren mögen. Dagegen kann eine reine Anwesenheitspflicht auch nicht Sinn eines Studiums sein, wenn dieses einen lehren soll, selbstbestimmt Entscheidungen zu treffen und im Sinne eines Trial und Error Prinzips seine Erfahrungen zu sammeln. Eine klare Aussage pro/contra lässt sich nicht treffen, aber man sollte abschließend eines bedenken: Es gibt auch ein Leben nach dem Studium, in dem einem oft schwierige Situationen begegnen werden und die Zeit ein rares Gut ist. Deshalb sollte man auch im Studium lernen, damit umzugehen und früh herausfinden, was für einen selbst der beste Weg ist, zu lernen und ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Die Verpflichtung zur Anwesenheit ist bequem, aber wird einen (nicht immer einen) niemals aus der Komfortzone locken. Darum sollte jedem Studierenden selbst obliegen, ob sie sich für oder gegen den Besuch einer Veranstaltung entscheiden.